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Essaouira Beach vs. Medina

Abschied nehmen von Marrakesch fiel uns nicht leicht, doch das nächste Abenteuer wartete bereits an der Atlantikküste auf uns. Unser Ziel: Das geschichtsträchtige, windumtoste Küstenstädtchen Essaouira. Doch schon der Weg dorthin hielt ein absolutes marokkanisches Kuriosum bereit, das man im ersten Moment kaum glauben mag, wenn man es nicht mit eigenen Augen sieht.

🐐 Kletterkünstler im Geäst: Die fliegenden Ziegen Marokkos

Mitten im Nirgendwo passierten wir ein Phänomen, das auf Instagram weltberühmt ist: Ziegen, die wie Vögel seelenruhig in den Baumkronen balancieren. Direkt an der Hauptstraße ist das Ganze natürlich eine perfekt inszenierte Touristenattraktion – die Bauern lassen sich das Fotografieren ihrer tierischen Akrobaten gerne mit ein paar Dirham entlohnen. Fährt man jedoch etwas abseits der Routen, sieht man das Spektakel auch völlig ungestellt in der wilden Natur. Doch warum klettern Huftiere freiwillig auf Bäume? Des Rätsels Lösung ist pure Kulinarik: Die Ziegen sind verrückt nach den gelben Früchten des Arganbaums und klettern wagemutig bis in die Spitzen, um an die Leckereien zu gelangen.

Ziegen auf einem Argan-Baum
Ziegen auf einem Argan-Baum

Der Arganbaum (Argania spinosa) selbst ist ein faszinierendes Gewächs und ein wahrer Überlebenskünstler. Er wächst weltweit ausschließlich im Südwesten Marokkos. Selbst in extremen, jahrelangen Dürreperioden verliert er kaum sein sattes Grün. Das Geheimnis? Seine Wurzeln bohren sich bis zu 35 Meter tief in die Erde, um an die letzten Wasserreserven zu gelangen. Für die lokale Bevölkerung, insbesondere die Frauenkooperativen, ist der Baum die wichtigste Lebensgrundlage: Aus den steinharten Kernen der Arganfrucht wird in mühsamer Handarbeit das kostbare, flüssige Gold Marokkos gewonnen – das weltberühmte Arganöl.


🌊 Meerblick, Kamelritte und ein ehrlicher Blick auf das Plastikproblem

Nach gut drei Stunden Fahrt erreichten wir endlich Essaouira. Kaum hatten wir unser Hotelzimmer bezogen, hielt uns nichts mehr drinnen: Es zog uns magisch an den Strand. Obwohl wir gut 20 Minuten Fußmarsch durch die Stadt zurücklegen mussten, entschädigte der erste Blick auf den Atlantik jeden einzelnen Schritt. Was für eine Kulisse! Der Strand von Essaouira gilt mit seinen stolzen fünf Kilometern Länge als einer der schönsten und weitläufigsten im ganzen Land.

Essaouira Beach
Der endlose Essaouira Beach

Eine ausgiebige Strandwanderung war für uns natürlich absolute Pflicht. Während uns der stetige, kräftige Passatwind die Haare zerzauste, genossen wir die unglaubliche Weite. Links das tiefblaue, wilde Meer, rechts Touristen, die auf Kamelen und Pferden im Galopp durch den Sand ritten, während in der Ferne ein paar Quad-Fahrer ihre Runden drehten.

Touri-Kamel-Tour
Kamel-Tour am Strand

Doch wo Licht ist, ist leider auch Schatten – und zu einem ehrlichen Reisebericht gehört auch die Kehrseite. Beim Spaziergängen entlang der Flutkante fiel uns auf, wie viel Plastikmüll vom Atlantik angeschwemmt wird. Das trübte die Urlaubsstimmung stellenweise ein wenig. Überhaupt ist das Thema Abfall eine der größten Herausforderungen des modernen Marokkos. Wir haben im Laufe der Reise leider oft gesehen, dass der Umgang mit Müll sehr lax gehandhabt wird: Unrat wird wild in der Landschaft abgekippt oder einfach am Straßenrand verbrannt – was in Marokko sogar legal ist. Hier stehen der König, die Regierung und die Gesellschaft sicherlich noch vor einer gewaltigen Mammutaufgabe in Sachen Umweltschutz.

Essaouira Beach Müll
Die wilde Schönheit des Atlantiks

🏰 Die Medina von Essaouira: Entspanntes Flair und Ziegenköpfe

Nach dem Strandausflug tauchten wir abends in die historische Altstadt (Medina) ein. Wer das laute, hektische und teils stressige Marrakesch im Kopf hat, atmet in Essaouira sofort auf. Die Medina hier ist vollkommen anders: Die Gassen sind breiter, die blau-weißen Häuserfronten versprühen maritimes, fast portugiesisches Flair und das gesamte Treiben ist um ein Vielfaches ruhiger, jünger und beschaulicher – aber keinen Deut weniger sehenswert!

Ein echter Geheimtipp für Entdecker ist der Spaziergang entlang der **Avenue Mohamed Zerktouni**, die sich schnurgerade nach Norden zieht. Während der untere Teil noch fest in der Hand von Souvenirläden und Kunsthandwerkern ist, verändert sich die Straße auf dem letzten Drittel komplett. Man überschreitet eine unsichtbare Grenze und steht mitten auf dem echten, ungeschönten Markt der Einheimischen. Hier pulsierte das pure Leben! Von kunterbunten Pyjamas über bergeweise frische Minze bis hin zu – für europäische Augen gewöhnungsbedürftigen – abgezogenen Ziegenköpfen beim Metzger gibt es hier absolut alles zu kaufen. Ein Fest für die Sinne und ein großartiger Einblick in den marokkanischen Alltag.

Zum Abschluss dieses erlebnisreichen Tages zog es uns auf den belebten **Place Moulay El Hassan**. Es ist der perfekte Ort, um sich einfach in ein Café zu setzen, das bunte Treiben an sich vorbeiziehen zu lassen und den spektakulären Sonnenuntergang über dem Atlantik zu bewundern. Wenn der Himmel sich in tiefes Orange färbt und die Möwen über den alten Festungsmauern kreisen, entfaltet Essaouira eine ganz eigene, fast melancholische Magie. Ein nächtlicher Streifzug durch die sanft erleuchteten Lehmgassen rundete diesen perfekten ersten Tag an der Küste ab.


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